Die verlorene Augensprache

Vilém Flusser hat den Fotoapparat als ein das Denken simulierendes Spielzeug bezeichnet. Und ein Spielzeug war für ihn nichts weiter als ein dem Spiel dienender Gegenstand. Und der Gegenstand: Ein uns entgegenstehendes Ding.

Ein Gerät, ein Werkzeug, das BILDER möglich macht. Harald Naisch inszeniert und arrangiert keine Bilder, sondern findet sie, entdeckt sie: DER ORT ALS FUNDSTÜCK. Vergessene, verletzte, sich selbst überlassene Terrains, die in ihrer völligen Auflösung begriffen scheinen.

Brachliegende, verwilderte Gebiete in der Peripherie Berlins, wo das schöne Chaos der in Freiheit lebenden Dinge das Bild bestimmt. NAISCH IST DER FOTOGRAF DER TOTEN WINKEL. Jener sich SELBST überlassenen Stadtlandschaften, die in vollkommenem Abseits liegen, die außerhalb unserer Kontrolle existieren und von unseren Augen nicht mehr erreicht werden können.

Und HIER findet er sie: Die PURE MATERIE entwurzelter, unvollkommener Dinge, die man zum Denken benötigt. Bilder, die in weiter Distanz an die "KOLONISIERUNG DURCH DIE FOTOGRAFIE" von Susan Sontag erinnern: Der Fotograf als Vorhut jener Armee von Touristen, die alle ein Bild der Wildnis und der darin verbliebenen Indianer "schießen" wollen.

Roland Barthes begründet in seinen "Bemerkungen zur Photographie" seine Vorliebe für bestimmte Lieblingslandschaften noch mit der Lust DORT LEBEN ZU WOLLEN. Für ihn müssen fotografierte Landschaften BEWOHNBAR und nicht bereisbar sein. Dieses Verlangen, einen Ort bewohnen zu wollen, ist uns heute bei der konzeptionellen Photographie längst verloren gegangen, denn diese Landschaften interessieren uns, aber wir lieben sie nicht. Was wir lieben und was uns begeistert, ist DER BLICK des Photographierenden, die gelungene Umsetzung einer Idee: Das Maß ihrer Unabhängigkeit und Freiheit.                                                                          Walter Aue

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